Donnerstag, 1. Mai 2014

Das Beste kommt zum Schluss ...

Also dann, auf zum Bericht vom 24-Stundenlauf in Sárvár. Die Vorbereitung zu Sárvár findet sich ohnehin in den vorangegangenen Blog-Einträgen, daher wird das Proömium diesmal nicht zu lange ausfallen, sondern es bald zur Sache gehen (wer's glaubt ist selbst schuld ;-).

Trotz Regenerations- und Tapering-Phase verliefen die letzten Tage unmittelbar vor Sárvár leider nicht so ruhig wie erhofft. Einiger unerwarteter Stress in der Arbeit stand plötzlich noch an, kurzfristig wackelten sogar die zwei nötigen Urlaubstage Donnerstag & Freitag vor dem Lauf. Aber Dank der Unterstützung meiner Arbeitskollegen ließ sich das dann doch noch hinbiegen. Dennoch waren die Tage lang, die Nächte kurz und so richtig ausgeschlafen fühlte ich mich nie. Die Form selbst sollte gefühlsmäßig ähnlich jener vor dem letzten 24-Stundenlauf in Brugg sein. Aber das Wetter könnte mir laut Prognose einen ziemlichen Strich durch die Rechnung machen. Denn es war zunächst 24-Stunden-Dauerregen prognostiziert. Und das bei ungefähr 10 bis maximal 15°C. Alles andere als ideal für so ein Event, meine Zuversicht sank doch deutlich. In Anbetracht dieser Prognose also noch in letzter Sekunde wasserdichte Gore-Übersocken bestellt, um zu retten, was zu retten ist. In den Tagen vor Sárvár besserte sich dann aber die Prognose deutlich: nur mehr Samstag vormittag sollte es kurz leicht regnen, aber ansonsten trocken bleiben. Meine Zuversicht stieg wieder.

Hinsichtlich des Ablaufs der Veranstaltung war ich bestens informiert: die Homepage http://fussunk.gportal.hu/ selbst ist zwar zur Gänze in Ungarisch gehalten, Google-Translate hilft etwas, aber ein paar knifflige Punkte blieben doch offen. Allerdings stellte mir Réka vom Organisationskommittee alle Informationen (und noch einige Antworten auf Fragen meinerseits darüber hinaus) auch auf Englisch zur Verfügung.

Sárvár ist übrigens ein Ort mit ungefähr 15.000 Einwohnern. Die Attraktionen sind vor allem ein Thermalbad sowie eine von nur wenigen ungarischen Wasserburgen. Um genau diese Wasserburg herum wird auch die Strecke führen. Mit einer Länge von 1.030,73 Metern fast ident mit der Strecke in Brugg und somit betreuungstechnisch perfekt, man ist nie zu lange vom Basislager entfernt, selbst schleichend sollte nach spätestens 15 Minuten wieder Betreuung möglich sein. Auf die Strecke selbst hatte ich mich per Google-Street-View ja bereits eingestimmt (http://martin24h.blogspot.com/2014/04/visualisierung-ist-alles.html).

Als Betreuer stellten sich wieder Carola & Winfried zur Verfügung - hoffentlich bringe ich diesmal dann eine auch für die Betreuer zufriedenstellendere Leistung als in Brugg zusammen.

Am Donnerstag wurde also wieder die halbe Wohnung ins Wohnmobil verladen und am Freitag brach ich nach Sárvár auf. Sárvár liegt nur 125km von Wien entfernt, ist somit der geographisch näheste 24-Stundenlauf an dem ich bisher teilgenommen habe. Und wenn alles gut läuft, dann werde ich diesmal deutlich mehr Kilometer laufen als ich Anreisekilometer hatte.

So kam ich dann mittags in Sárvár an und wollte mich zunächst auf den Besucherparkplatz der Wasserburg stellen. Allerdings galt noch bis (vermeintlich) 13 Uhr eine Parkgebühr. Diese war zwar gering, jedoch in HUF-Münzen zu entrichten. Selbige hatte ich aber nicht. Also beschloss ich, noch die paar Minuten bis 13 Uhr die Strecke per Wohnmobil zu besichtigen und mich dann nach 13 Uhr auf den Parkplatz zu stellen. Während ich so um die Strecke kreiste, kam es mir dann: bis 13 Uhr war die Parkzeit für Samstag, aber für Freitag galt die Parkgebühr bis 17 Uhr wie ich dem Parkautomaten entnommen hatte. Hmmm, heute ist ja ... hmm, welcher Tag ist heute? Achja, erst Freitag ... der Verlust von Raum- und Zeitgefühl fing diesmal schon vor dem Start des 24-Stundenlaufs an :-O ... also nix mit Parken am Schlossparkplatz. Aber entlang der Strecke waren ohnehin genug Parkplätze frei. Also dann dort Parken und die mitgebrachten Tortelloni fürs Mittagessen zubereiten.

Nach dem Mittagessen musste ich nun endlich ein bisschen raus an die frische Luft. Hmmmm, so frisch fühlte sich die heute aber überhaupt nicht an. Es war irrsinnig schwül, meine Beine waren schwer, die ganz wenigen Höhenmeter (ca. 1-2 in Summe über die ganze Runde schätze ich) fühlten sich wie unerklimmbare Berge an und auch der teilweise raue Asphalt euphorisierte mich nicht gerade ... das kann ja was werden morgen.

Bei Start/Ziel bauten die Veranstalter schon fleißig ihre Infrastruktur (Zelte, Tonanlage, usw.) auf. Am Ende der "Race Center Area" war dann aber doch noch ein wenig Platz nicht belegt. Hmmm, sollte ich mich da einfach frech mit dem Wohnmobil hinparken? Ideal wäre es ja schon hinsichtlich der Betreuung. Na, ich probiere es einfach. Wenn es nicht passt, wi
rd schon jemand was sagen und mich vertreiben. So verging dann der restliche Nachmittag mit faulem Herumliegen im Wohnmobil. Ich hatte zwar diversen Lesestoff zur Ablenkung mit, konnte mich aber überhaupt nicht konzentrieren. Liegen und Dösen war deutlich angenehmer.

Ungarische Pasta
Kurz nach 18h kam dann auch Carola in Sárvár an und wir machten uns auf zur Startnummernabholung. Die lief sehr ruhig und entspannt ab. Eine Pasta-Party war auch inkludiert, wobei Réka mich schon "vorwarnte", dass es Hungarian-Style sein wird. Also Pasta mit Kartoffeln und scharfem Paprika. Klingt interessant. Der scharfe Paprika war dann gar nicht so prominent, die Pasta schmeckte sogar sehr gut. Um allerdings meinen Magen nicht schon vor dem Lauf zu verwirren (das war bekanntlich schon des öfteren das große Problem), hielt ich mich aber bei der Pasta zurück.

Nach der Pasta-Party rasch zurück ins Wohnmobil, noch die wichtigsten Sachen für morgen herrichten (Startnummer, Gewand) falls es aus irgendeinem Grund stressig werden sollte und dann ab ins Bett, ich werde meinen Schlaf brauchen. Das mit dem Schlaf klappte nur aufgrund der Nervosität leider nicht so ganz. Einerseits beunruhigte mich immer noch, ob wir ohnehin den Parkplatz behalten können oder dann morgen früh noch umparken müssten. Auch das Zelt war noch nicht aufgebaut, sollte aber möglichst gegenüber des Wohnmobils stehen. So schlief ich also recht unruhig und ab 5h30 war's gänzlich aus mit Schlafen. So weckte ich Carola und wir bauten kurz vor 6h das Zelt auf. Danach nochmals hinlegen für 45 Minuten bis 7h30. Mittlerweile erwachte Sárvár und es begann entlang der Strecke zu wuseln. Auch alle anderen Teilnehmer (in Summe ~200 verteilt über 6, 12, 24-Stundenlauf und ein paar wenige 12-Stunden-Vierer-Staffeln) trafen ein.

idealer Zeltplatz
Um kurz nach 8h dann wirklich etwas Stress. Unser Zelt stand auf einem Platz, den der Veranstalter brauchte, wir mussten es verlagern. Glücklicherweise war aber ein anderer Platz freigeworden und wir konnten das Zelt relativ einfach umpositionieren. Glück gehabt. Und eigentlich war dieser "neue" Platz dann ohnehin besser als der ursprüngliche.

Während es übrigens in der Nacht auch noch heftig geregnet hatte, so zeigte sich das Wetter nun von seiner besten Seite. Zwar etwas kühl, aber fürs Laufen ideal und vor allem trocken (und sonnig)! Die Regengefahr schien gebannt zu sein. Etwas unschlüssig war ich nur ob meiner Gewandwahl. Daher einmal eine Aufwärmrunde drehen. Dabei traf ich dann auch Winfried, der nun ebenfalls da war. Beim langsamen Laufen war mir doch etwas kühl, also ein etwas wärmeres Shirt anziehen und auch Start mit Handschuhen. Ich möchte meine Energie ja nicht fürs Warmhalten sondern fürs Fortbewegen nutzen.

Apropos langsam laufen: da hatte ich für diesmal eine neue Strategie geplant. Ich wollte mich am Puls orientieren und diesen möglichst unter 70% HFmax halten. Das hatte in der Vorbereitung bei dem 50-Kilometer-Lauf am Laufband ja ganz gut geklappt - auch wenn ich den nach Tempo und nicht nach Puls steuerte, aber Läufe danach hatten gezeigt, dass das damalige Tempo ziemlich an ~70% HFmax herankommt. Auch der Energiebedarf war bei dem Laufbandlauf recht gering. Sollte diese Strategie nicht klappen, dann könnte ich ja immer noch auf die Brugg-Strategie mit schnellerem Laufen und längeren Gehphasen umsteigen.

Und so war es dann auch schon 10 Uhr, der Startschuss fiel und das Feld setzte sich langsam in Bewegung. Auch ich trottete los. Die erste Runde hatte ich in knapp 6 Minuten erledigt, was einem Schnitt von 5:45min/km entsprach. Der Puls war exakt im geplanten Bereich, Laufen fühlte sich natürlich locker an, aber auch die Strecke war viel angenehmer und leichter als noch gestern beim Spazierengehen.


Impressionen von der Strecke
So ging es also einfach mal dahin, Rhythmus finden, Systeme anlaufen lassen. Runde für Runde absolvieren. Mein Kilometerschnitt pendelte sich so um die 6:00min/km ein. Hatte ich übrigens einmal behauptet, ich könnte nicht langsam laufen? Ich kann es offenbar doch und es fühlte sich auch rund an. Die Stimmung an der Strecke war auch fein, alle paar Meter hatten die Teilnehmer ihre Tische und Campingsessel aufgebaut - es war die klassische Ultralauf-Atmosphäre. Locker, entspannt, freundlich. Nur von den Anfeuerungen und Plaudereien verstand ich leider nichts.

Nach 1h50 begann dann langsam die erste Fütterung. Auch hinsichtlich der Ernährung wollte ich diesmal eher konzentrierter mehr essen (auch mit eventueller Sitzpause) und dazwischen Pause lassen. Dies in der Hoffnung, dass dann mein Magen nicht oder zumindest erst später rebellieren würde. Das klappte auch gut.

Klassisches Ultra-Basislager
Kurz vor der 4-Stundenmarke und nach 39 Kilometern dann die erste Sitzpause - es gab Nudelsuppe. Mmmmmhhhh, die war wirklich gut. Wieder voll mit Energie weiter.

In der Zwischenzeit - genau weiß ich es nicht mehr - waren auch Carolas Eltern zu Besuch gekommen und machten spazierend ihre Kilometer entlang der Strecke - und ich hatte endlich Anfeuerung, die ich verstand :-)

Nach 5h30 - mittlerweile hatte ich etwa 52.5 Kilometer erledigt - die nächste Sitzpause. Diesmal gab es Nudeln. Hm, nun ja, die waren nicht so ganz meines, aber ich bin ja nicht für ein Gourmet-Menü hier, sondern fürs Laufen. Und Energie gaben sie schon. Außerdem war mein Motto ja "Lächeln & Genießen" als Kurzform von "Go 24 hours without complaining (not even once). Then watch how your life starts changing." ... und es gab auch keinen Grund sich zu beschweren, alles lief rund, ich fühlte mich wohl, die Zeit verging wie im Flug, die Runde war jedes Mal auf ihre eigene Art abwechslungsreich. Einfach locker weiter, Spaß haben.

Nach 9h und etwa 85km wird's dann aber erstmals zäh. Energiemäßig fühle ich mich bestens, aber die Oberschenkelmuskulatur vorne ist das langsame Laufen nicht gewöhnt - woher auch? Meine langen Läufe habe ich ja auch fast alle in etwa 5:00-5:15min/km absolviert. Reaktion: die Muskulatur wird steif, jeder Schritt beginnt zu schmerzen. Na toll, habe ich diesmal die richtige Strategie gewählt, aber dafür falsch trainiert? Es scheint so :-(

Egal, das schöne am 24-Stundenlauf ist ja, es gibt auch Wiederauferstehungen, man muss nur geduldig bleiben. Also gebe ich der Muskulatur nach und beginne erstmals mit einer längeren Gehphase. Bisher bin ich bis auf wenige Schritte bei der Verpflegung alles langsam durchgelaufen. Zusätzlich reibt mir Carola die Muskulatur mit wärmender Traumasalbe ein und dann gibt's auch noch Massage mit dem Travel-Stick. All das hilft, die Muskulatur wird langsam wieder weich, das Gehen wird auch flotter, der MP3-Player mit der besten Play-List von Welt - vor Ort bei Start/Ziel wurde lustigerweise fast die gleiche Liste verwendet ;-) - kommt auch zum Einsatz und nach etwa 2.5km Gehen komme ich wieder ins Laufen.

Erste Krise überwunden - jippiiii!

Nach 10h45 knacke ich die 100km und bin voll im Plan Richtung meines Traumziels von 200+ Kilometern. Aber nach 11h geht es wieder los, die Oberschenkelmuskulatur meldet sich leider wieder. Also gleiche Prozedur wie vorhin, Gehen, Massage mit Travel-Stick, Traumasalbe. Und abermals funktioniert es, bald laufe ich wieder.

Nach 12 Stunden bin ich bei 110km. Das sollte eigentlich nach allen 24-Stundenlaufregeln (in der zweiten Hälfte 20 Kilometer weniger als in der ersten) für 200 Kilometer reichen. Wird das heute mein perfekter Tag?

Basislager bei Nacht
Naja, nach 13 Stunden sieht's dann nicht mehr so aus. Es wird nun richtig zäh, Oberschenkelmuskulatur wieder steif und diesmal hilft die Massage leider nicht. Aber egal, flottes Gehen ist möglich und trotz des nunmehr geringeren Tempos mache ich in der Altersklasse weiterhin Plätze gut. Den anderen dürfte es wohl noch schlechter gehen.

Nach 14 Stunden, es ist Mitternacht, beginnt unser Hochzeitstag. Ja, anstatt gemütlich in der Therme zu liegen, "feiern" wir das etwas anders ;-). Leider kann ich Carola aber nur einige wenige Laufschritte meinerseits schenken - an mehr ist derzeit nicht zu denken. Carola orakelt, dass ich noch später deutlich mehr Laufschritte machen werde. Ich glaube nicht wirklich daran, hoffe es aber sehr!


Labestation in der Nacht ...
... immer alles da!


 Langsam wird mir auch kälter und die Müdigkeit setzt mir knapp nach Mitternacht überraschend früh zu - normalerweise beginnt das Müdigkeitstief so richtig erst zwischen 2 und 3 Uhr früh. Ich ziehe immer mehr Gewand an, trage mindestens das Doppelte an mir wie alle anderen Teilnehmer. Seltsam, normalerweise bin ich ja nicht der Frier-Typ. So geht's bergab, ich schleiche immer langsamer um die Strecke. Nach 16 Stunden geht auch für eine Runde der Veranstalter mit mir mit. Ich hoffe nur, es ist ihm fad und nicht, dass ich so kaputt aussehe, dass er mich nicht alleine die Runde drehen lassen will. Jedenfalls möchte er mich aufbauen und redet auf ungarisch auf mich ein. Ich erkläre ihm, dass ich leider des Ungarischen nicht mächtig bin, aber Englisch oder Deutsch wäre gut. Das geht bei ihm leider nicht, aber Russki könnte er. Hm, mit meinen wenigen Slawisch-Kenntnissen bringe ich ein "Nema russki" hervor ... was er natürlich sehr lustig findet, weil ich kann doch eh russki :-) ... Jedenfalls lenkt auch das ab und wieder ist eine Runde geschafft.

Nachtwanderung
Somit bin ich bei 138km und 17 Stunden und plötzlich fängt mein Magen an zu zwicken. Ahja, stimmt. Da war ja bisher noch nix außer Pinkeln. Vielleicht liegt meine Schwäche ja auch daran. Also rein ins Womo, ab auf den Topf. Nachdem mir immer noch etwas kühl ist, tut sich da mal nix. Also Heizung voll aufdrehen, die Nasszelle (ca. 1.5m^2 Grundfläche) erwärmt sich natürlich sofort, der Darm wird lebendig ... das tut gut, weitere Details spare ich mir :-D

Ich fühle mich nun deutlich besser, der Kreislauf ist auch wieder besser drauf, mir ist auch wieder wärmer, ich kann Kleidungsschichten abwerfen. Laufen ist zwar leider weiterhin nicht möglich, aber das Gehen wird wieder deutlich flotter und ich beginne, mit meinem schnellen Gehen auch "Läufer" zu überholen.

Nach 18 Stunden rechne ich überschlagsmäßig: mit diesem Gehtempo wären zumindest noch die 180 Kilometer haarscharf drinnen. Zwar weit weg vom 200-Kilometer-Traumziel, aber 180+ klingt dann schon besser als 170+. Das geht aber nur, wenn ich fürs Essen keine Sitzpausen mehr einlege. Daher sage ich Winfried, dass ich jetzt nur mehr "kompaktes" Essen haben will, also Kekse, Soletti, Gels, Flüssignahrung. Alles, wofür ich nicht viel kauen muss und weiter flott in Bewegung bleiben kann.

Nach 20h und 155 Kilometern ist dann allerdings leider nochmals ein WC-Stopp erforderlich. Eigentlich nicht schlimm, nur mit den dafür nötigen Minuten ist die Chance auf die 180 Kilometer wohl dahin.


Betreuer schafft ...
... wieder einen Kilometer mehr
Jetzt habe ich mein erstes mentales Tief. Ich kann mein "Lächeln & Genießen"-Motto nicht mehr durchhalten, bin nur mehr müde, seeeehr müde, möchte mich hinlegen und aufgeben. Aber Carola redet auf mich ein, treibt mich weiter an. Ich fühle mich aber nur mehr wie ein Tier, das weiter gepeitscht wird. Ich beschwere mich, dass das menschenunwürdig ist. Carola stimmt mir zu, sagt mir aber auch, dass sie mich weitertreibt und hart bleibt, weil sie genau weiß, dass ich nachher dankbar dafür sein werde und mich ärgern würde, wenn ich jetzt aufhören würde. Ich glaube ihr nicht (auch wenn sie in allen Details zu 100% Recht hatte ... aber ich will nicht vorgreifen ;-), aber lasse mich weiter treiben. Schlau ist das vielleicht nicht, aber vom Aufhören dürfte ich selbst im tiefsten Inneren nicht ganz überzeugt sein, weil sonst würde ich ja einfach aufhören. Aber all das für eine minimale Verbesserung der bisherigen Bestleistung von 172,396 Kilometern? Weil jetzt ist es schon eine Qual. Meine Füße sind mittlerweile etwas aufgequollen, es fühlt sich an, wie wenn ich kleine Murmeln unter den Fußsohlen hätte, einige Scheuerstellen gibt's auch schon. Aber eigentlich ist mein Zustand nachträglich betrachtet gar nicht so schlecht - aber in dem Moment realisiere ich das leider nicht.

Nach 22 Stunden "übernimmt" mich wieder Winfried. Noch 7 Runden - also etwa 1h30 - brauche ich, um meine bisherige Bestleistung einzustellen. Wahnsinn, 1h30 soll ich noch so weiter machen? Naja, aber 7 Runden, das ist wenigstens ein Licht am Ende des Tunnels. Dieser Gedanke scheint mir zu helfen, ich texte Winfried massiv zu - ich weiß nicht mehr, was ich da alles gebrabbelt habe, aber es tut gut. Meine Rundenzeiten werden wieder etwas flotter. Carola wird wohl die interne Wette verlieren, bei wem als "Hauptbetreuer" ich jeweils die schnelleren Runden hatte. Das - erinnere ich mich - sage ich auch Winfried. Er meint nur, dass Carola das wohl verschmerzen wird können ;-). Ja, denke ich auch.

Noch 4 Runden bis zu einer neuen Bestleistung. Danach werde ich mich dann hinsetzen und vielleicht noch ein oder zwei Runden als Bonus drehen, aber anstrengen werde ich mich dann sicherlich nicht mehr.

Neue Bestleistung!
Nach 23 Stunden und 24 Minuten habe ich 168 Runden geschafft
und mit 173.2 Kilometer bin ich soweit gekommen wie noch nie innerhalb von 24 Stunden. Carola hat schon den Sessel für mich hergerichtet zum Feiern - zumindest denke ich das.

Hm, nein, jetzt setz' ich mich lieber doch nicht hin sondern mache gleich noch eine weitere Runde, damit die Bestleistung ganz sicherlich passt und nicht durch einen etwaigen Zählfehler oder sonst irgendwie es doch nicht reicht. Gut so, denn Carola sagte mir nachher, dass der Sessel zwar da stand, aber sie alles daran gesetzt hätte, dass ich ihn nicht benutze. Winfried ist aber etwas verblüfft - schließlich redete ich seit 3.5 Stunden nur vom Hinsetzen -, kommt mir noch für eine Runde hinterher und übergibt mich dann wieder für die letzten ca. 20 Minuten an Carola.

Groupies ...
Bei Start/Ziel bildet sich jetzt schon ein Spalier, welches die sich no
ch auf der Strecke befindenen "Helden" feiert. Allzuviele sind es übrigens nicht mehr von den etwa 80 angetretenen Startern beim 24-Stundenlauf, die immer noch ihre Runden drehen. Aber ich gehöre dazu!

Das motiviert und offenbar setzt auch das Erreichen einer neuen Bestleistung nochmals Kräfte frei. Statt 11 bis 12 Minuten schaffe ich die Runde plötzlich wieder unter 10 Minuten. Hm, da geht noch was, etwas Zeit habe ich auch noch. Ich "fliege" gefühlt dahin, überhole mit flottem Gehen auch wieder einige Mitläufer. Ich gehe teilweise so schnell, dass Carola bei der Begleitung ins Traben verfällt.

Nach 170 Runden und 175 Kilometern komme ich zur Hälfte von Runde 171 plötzlich wieder ins Laufen. Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendetwas macht klick und ich laufe. Und ich laufe nicht irgendwie, ich laufe in unter 5:00min/km :-O - zumindest fühlt es sich so an. Und die Rundenzeit nach 176 Kilometern bestätigt es dann auch.

Jetzt nicht nachlassen, das macht Spaß, zeig' dem Publikum, was Du noch kannst. Runde 172 (Kilometer 177) laufe ich zur Gänze durch, die Auswertung nachher zeigt mir einen Schnitt von 4:29min/km. Ich realisiere dieses Tempo aber auch auf der Strecke. Warum hat der blöde Kopf die letzten Stunden bloß nicht wollen, offenbar ist ja noch was drinnen im Körper. Ich röhre jetzt vor Anstrengung, aber es geht. Die Blasen an den Füßen schmerzen, aber jetzt auch wurscht. Runde 172 geschafft. Noch knapp 5 Minuten Zeit. Geht sich da noch eine Runde aus? Gas geben, Vollgas geben. Bei der Hälfte der Runde geht mir kurz die Luft aus, einige Gehschritte, der Magen meldet sich, nein, bitte nicht jetzt ins Gebüsch ... Laufen, wenn ich laufe, dann wird der Magen sich beruhigen bzw. lahmgelegt, also wieder antraben, Gas, Vollgas.

30 Sekunden vor Schluss ist auch Runde 173 erledigt - in Schnitt 4:23min/km trotz kurzer Gehphase wird es meine schnellste der letzten 24 Stunden. Jetzt die 30 Sekunden nur mehr austrudeln, nicht zu weit vom Basislager weg den Lauf beenden und dann ertönt schon die Sirene. Geschafft, vorbei.

Nach 178,432 Kilometern sinke ich nun doch endlich in meinen Sessel - und jetzt lässt mich Carola auch :-D. Für die letzten Runden bekomme ich einiges an Gratulationen ... naja, hätte ich meine Kräfte doch etwas gleichmäßiger auf die letzten Stunden aufgeteilt, dann hätte das wohl mehr gebracht.
unmittelbar nach dem Hinsetzen
ein paar Sekunden später eine Art Lächeln


Aber immerhin weiß ich, dass ich es drauf habe, dass wohl nicht mehr viel fehlt, dass es endlich einmal richtig gut klappt. Bis auf 2h30 war es diesmal auch mental schon richtig gut. Der Magen hat keine Probleme gemacht, niedriges gleichmäßiges Tempo dürfte also das richtige für mich sein, ich müsste es nur noch gezielter trainieren. Wer hat also Vorschläge wie ein Tempo von 6:00min/km auch im Training spannend ist?

Alles in allem war das der bisher sicherlich beste 24-Stundenlauf was sowohl meine Leistung betrifft als auch die Veranstaltung selbst. Alle extrem freundlich, hilfsbereit (die Sprachbarriere wurde mit Händen, Füßen und allem was man noch hat überwunden), perfekte Strecke, perfektes Wetter, perfekte Versorgung (vieles von meinen Eigenvorräten habe ich wieder nachhause transportiert): ich kann Sárvár wirklich empfehlen!

Vielen Dank an dieser Stelle an Carola & Winfried, dass ihr euch wieder den Job der 24-Stundenbetreuung angetan habt! Ohne euch wäre ich nie so weit gekommen.

Danke an Réka für die Informationen vor dem Lauf!

Danke an Mirjana & Dieter für den Besuch und die Abwechslung an der Strecke.

Und danke allen für die große Motivation und die vielen Gespräche im Vorfeld des 24-Stundenlaufs!

Köszi, köszi, köszi!
Ausrasten ... viel Bewegen kann ich mich eh nicht mehr

Die Tage danach: bisher war ich noch nach keinem 24-Stundenlauf dann so fertig wie dieses Mal. Mein rechtes Knie war ein paar Tage leicht geschwollen (ich vermute einen gereizten Schleimbeutel), das Immunsystem kannte sich auch nicht ganz aus und reagierte mit kurzzeitigen Fieberschüben und die Müdigkeit trieb mich immer sehr früh ins Bett. Ich hatte mich wohl doch ordentlich angestrengt ;-)

Aber immerhin konnte ich ab Mittwoch mittags schon wieder normal gehen und es kommen auch schon langsam wieder Gedanken an leichtes Traben auf und was ich denn so beim 24-Stundenlauf in Irdning leisten werden könnte. Das wird aber eine andere Geschichte und im Mai wird jetzt weiter regeneriert und ein Leben ohne großes Training genossen.

Sonntag, 13. April 2014

Letzter Long-Jog absolviert

Wie angekündigt stand heute der letzte Long-Jog am Programm. Die Verkühlung ist zwar im Alltag noch etwas lästig (es muss einen massiven Sprung in der globalen Taschentuchnachfrage diese Woche gegeben haben), aber beim Laufen stört sie nicht. Und nachdem ich das Laufen beim heutigen Wetter als extrem angenehm empfunden habe, wurden es auch statt 48km dann 51.5km. Aber gut, zwei Einheiten diese Woche waren dafür aufgrund der Verkühlung auch etwas kürzer, sodass die Trainingswoche letztlich nur 112km statt der geplanten 129km aufweist. Aber solange die Schlüsseleinheiten (leichtes Tempo mit 7x1km in 4:10min/km mit 400m Trab, und eben der Long-Jog) funktionieren, bin ich zufrieden.

Und ab jetzt wird bis 26.4.2014 um 10h regeneriert - die schönste Phase in der Vorbereitung auf einen 24-Stundenlauf.

Als Belohnung gibt's auch ein neues Video aus Sarvar vom Vorjahr - *freu*.


Samstag, 12. April 2014

Visualisierung ist alles

Und so wird Sarvar aus Läuferperspektive 24 Stunden lang aussehen.



Erstellt mit Hilfe von Google-Street-View. 



Freitag, 11. April 2014

Ein Auf und Ab

Ja, so sind die Ultraläufe meistens – irgendwo kommt immer mal ein Hänger zwischendurch. Und so verläuft leider derzeit auch mein April-Training. Nach der Entlastungswoche Ende März war ich wieder voller Energie. Meine Standardhügelintervalle absolvierte ich locker und schnell wie noch nie seit Jahresbeginn. Danach muckte allerdings wieder mal die Achillessehne auf. Also sofortige Laufpause und die geplante Regenerations-Einheit stattdessen am Ergometer absolviert. Nur "leider" ging es dann am Wochenende nach Mailand, wo ein intensiver 3-Tages-Laufblock (inkl. Mailand-Marathon) vorgesehen war. Den Urlaub trat ich also mit gemischten Gefühlen an: werde ich laufen können und wenn nicht, was mache ich dann dort als Alternativtraining? Wobei an Alternativtraining eh nicht viele Möglichkeiten bestehen würden, da ich ziemlich auf "mein" Ergometer eingeschossen bin und ich - wie schon ein paar Mal geschrieben - mit den Breitarsch-Sattel-Dingern in den Fitness-Studios nix anfangen kann. Und ein Rad ausborgen in Mailand – naja, da trainiere ich dann lieber gar nix und schlafe mich aus. Aber zunächst bleiben wir mal zuversichtlich, wird hoffentlich eh passen.

Freitag später nachmittag dann Ankunft in Mailand, das Wetter mild, es lädt zum Laufen ein. Also rein in die Laufschuhe und hoffen, sehr hoffen. Und die Schonung sowie auch etwas weniger aggressive Laufschuhe (Brooks Launch statt Brooks Racer ST5) hatten gewirkt, das geplante gemütliche Laufen funktionierte gut. So ging es im Abendverkehr aus Mailand hinaus zum Start des sonntägigen Marathons. Keine besonders schöne Strecke, aber egal, Hauptsache Laufen können. Beim Start am Messegelände umdrehen und dann ging es über die ersten 15 Kilometer der Marathonstrecke wieder zurück in die Stadt. Große Freude, dass das alles so wunderbar lief. Am Ende standen sogar statt der 25 geplanten Kilometer 27.2 auf der Uhr – naja, gegen Ende hab ich mich ein bisserl verkoffert :)

Samstag in der Früh dann vorm Frühstück raus zum Laufen – schließlich muss Platz für ein ausgiebiges Frühstück geschaffen werden – und um die Pferderennbahn "Ippodromo del Galoppo" herum zum San Siro-Stadion, das sehr ruhig da lag. Morgen Sonntag wird dort eine Marathonstaffel-Wechselzone sein, da wird mehr los sein. Auch der Lauf ging gut, nach 12.4km hatte ich mein Pensum erfüllt. Tagsüber dann ein paar Stunden Sightseeing-Spazieren durch Mailand und am späten Nachmittag nochmals vom Hotel raus zum Marathon-Start und zurück, sicherstellen, dass ich Sonntag früh den Weg jedenfalls finde ;-). Ergab dann nochmals 18.4km.

Sonntag in der Früh fanden Carola, ich und ein weiterer Marathonteilnehmer uns noch vor der offiziellen Öffnung um 7h schon um 6h30 im Frühstücksraum des Hotels ein. Netterweise durften wir – hinter geschlossener Tür – schon vor den anderen Hotelgästen frühstücken. Auch wenn es kein echter Marathon auf Zeit werden würde, so war das Frühstück aber doch einfach – die wettkampferprobten Weckerl mit Honig sowie schwarzer Tee standen am Programm. Schließlich hatte ich gleich nach dem Frühstück 18km "Warmlaufen" zum Start am Programm bevor es über den – heute dann ganzen – Marathon wieder zurück in die Stadt gehen sollte. Eine 60km-Formüberprüfung also.

Das Wetter war schon beim Weglaufen vom Hotel sonnig und angenehm mild – ein herrlicher Frühsommertag stand da bevor, es würde also wohl ab 11h eher knusprig werden. Alles lief gut, keine körperlichen Beschwerden, nur meine geliebten Salztabletten hatte ich leider in Wien vergessen. Bei einem etwas wärmeren und längeren Lauf wären die schon gut (gewesen). Die 18km "Warmlaufen" waren zwei Minuten vorm Marathonstart in 1h30 erledigt und in meinem zugeordneten Startblock war noch bequem Platz im hinteren Bereich, wo sich auch die Pace-Maker für 3h30 bereit machten. Das ist übrigens sehr angenehm in Mailand: jeder hält sich an seinen Startblock und ordnet sich auch innerhalb des Blocks gemäß seiner Leistungsfähigkeit ein. Damit war es auch heuer wieder ein sehr ruhiger, gleichmäßiger Start ohne große Hektik. Zum Marathon gibt’s nicht viel zu berichten. Die Strecke habe ich ja schon letztes Jahr ausführlich beschrieben (s. http://martin24h.blogspot.com/2013/04/ausflug-auf-die-kurzstrecke.html). Einziger Unterschied: aufgrund des besseren Wetters waren heuer mehr Zuschauer an der Strecke. So richtig stimmungsvoll war es aber trotzdem nicht – zu sehr läuft man doch durch die Pampa oder in eher entlegenen Ecken Mailands. Interessanterweise war es trotz eines deutlich langsameren Tempos als letztes Jahr (ca. 4:45-5:00min/km statt 4:10-4:15min/km) wieder an so ziemlich genau den gleichen Stellen wie schon letztes Jahr zäh (km24-27, km34-37, auch die Pflastersteine sind immer noch da). Nun ja, das Tempo war wohl beim Marathon heuer langsamer, aber die Vorbelastung dafür auch höher. So ging es Kilometer für Kilometer dahin und nach 3:26:41 war ich dann auch am Ende des Marathons, am Ende der 60km-Einheit und im Ziel beim Castello Sforzesco. Die Übertragung der Rai gibt's übrigens unter http://www.youtube.com/watch?v=MDbTRwZYXKk

Ein Blick auf meine salzgepökelte eigentlich schwarze, aber nunmehr weiß gesprenkelte Laufhose bestätigte mir: ja, es war warm geworden. Was sich dann am Nachmittag auch in leichtem Kopfweh aufgrund der Sonne bemerkbar machte. Aber das Trainingswochenende war erfolgreich. Immerhin 118km innerhalb von 43 Stunden gelaufen, keine Probleme mehr mit der Achillessehne, die Form für Sarvar dürfte auch im Vergleich zu einem ähnlichen Trainingsblock letztes Jahr vor Brugg passen.

Das dieser Trainingsblock doch nicht so ganz ohne war zeigte mir mein Körper dafür dann in den Tagen danach. Das Immunsystem dürfte doch etwas belastet gewesen sein, sodass sich eine leichte Verkühlung einstellte und das geplante Training etwas schaumgebremster erfolgen musste.

Aber für kommenden Sonntag sollte der geplante 48-Kilometer-Lauf, wo ich beim Wien-Marathon vorbeischauen werde, wohl schon drinnen sein. Und danach geht's dann in die Tapering-Phase für Sarvar.

Und als Einstimmung für Sarvar hier endlich die versprochenen bewegten Impressionen von 2013.

http://www.youtube.com/watch?v=F7sD4ENim3I

http://www.youtube.com/watch?v=dHgi-XDZSPk

Montag, 31. März 2014

Final Four - die Details

Wie angekündigt, jetzt etwas mehr Info zu den kryptischen „final four“.

Nachdem Irdning mir aufgrund des Starts um 14h, der Hitzegefahr im Juli und der bisher nicht so einfachen Strecke (aber wenigstens das wird sich heuer mit einem neuen Veranstalter ändern!) nicht so wirklich liegt, was mein persönliches Bestleistungspotenzial betrifft, gibt es vor Irdning 2014 noch einen weiteren 24-Stundenlauf-Versuch. Und zwar habe ich mir zu diesem Zwecke den 24-Stundenlauf von Sarvar (http://fussunk.gportal.hu/) am 26./27.4. ausgesucht. Mit Start um 10h werde ich voll ausgeruht an der Startlinie stehen und auch das Wetter sowie die Temperaturen sollten mir taugen.

Nur 1h45 von Wien entfernt liegt Sarvar sogar geographisch viel besser als Irdning – allerdings wird die Sprachbarriere sicherlich lustig ;-). Ich hoffe, es findet sich während dieser 24 Stunden auch der eine oder andere Ultralauf-Fan an der Strecke ein, um vor allem Carola bei der Betreuung zu unterstützen und mich auf der Strecke anzufeuern. Anbieten kann ich leider nicht viel, aber wenn ich ungefähr weiß, wer aller kommen kann, dann werde ich schon zumindest für Kaffee und Kuchen sorgen. Wer übrigens selbst mitmachen möchte: es gibt auch einen 6h- und 12h-Lauf sowie auch eine Staffel. Startnummernabholung ist Freitag abend, da könnte ich aber – nachdem ich ohnehin schon vor Ort bin – behilflich sein.

Die Runde selbst ist mit einer Länge von 1.030,73 Meter fast ident mit Brugg, auch Höhenmeter gibt es keine. Einige Impressionen der Veranstaltung 2013 werde ich in den nächsten Tagen noch verlinken.

Es wäre also angerichtet, bleibt nur mehr die Frage, in welcher Form ich mich befinde. Schwer zu sagen, das Training verlief wechselhaft. November & Dezember war laufmäßig mit Verkühlungen und Rippenprellung ein Totalausfall, ab Jänner ging es dann aufwärts, der Fokus lag auf Laufkilometer-Fressen. Leider waren drei lange Laufeinheiten nicht so lange wie geplant, da sich der Körper mit leichten Wehwehchen meldete. Und nachdem gerade beim Ultratraining bekanntlich gilt  “if you undertrain, you might not finish, if you overtrain, you might not start” habe ich da dem Körper immer nachgegeben, wodurch es nach wenigen Tagen auch wieder gut war. Fürs Selbstvertrauen und Vertrauen in den Körper ist das aber nicht das Förderlichste. Einige längere Einheiten am Ergometer (mein Rekord liegt jetzt bei 4 Stunden durchgehend bzw. an einem Tag 3h30 vormittags + 2h10 nachmittags) waren auch dabei, also ganz untrainiert sollte ich nicht sein. Highlights in der Vorbereitung waren jedenfalls der Halbmarathon Roma-Ostia, wo ich mit locker gelaufenen 1:28:32 seit längerem wieder unter der 1h30-Marke blieb. Ebenfalls positiv verzeichne ich eine Umrundung des Lainzer-Tiergartens (23km) mit anschließenden lockeren 50km am Laufband.

Somit bin ich halbwegs guter Dinge und setze vor allem darauf, dass Ultralauf über 24 Stunden ja auch (wenn nicht sogar vor allem) eine mentale Angelegenheit ist. Für Sarvar habe ich mir daher auch die Aufforderung eines Freunds zu Herzen genommen: „Go 24 hours without complaining (not even once). Then watch how your life starts changing.“ – nachdem das Hirn mit Verneinungen im fortgeschrittenen Ultralaufzustand aber nicht so ganz zurecht kommt, wird das modifiziert und verkürzt zu „Lächeln & genießen“.

Für die letzten vier Wochen gibt’s jetzt keine Spitzenbelastungen mehr, aber noch zwei etwas umfangreichere Wochenenden mit einem 60-Kilometer sowie einem 48-Kilometer-Lauf.

Als Vorgriff auf Irdning: nach Sarvar steht dann eine kurze, dafür aber wirklich mehrheitlich lauffreie Regeneration am Programm, damit ich noch einen zweiten Formhöhepunkt beim 24-Stundenlauf in Irdning ansteuern kann, wo es wieder um viele, viele Kilometer für den guten Zweck gehen wird.

Freitag, 28. März 2014

Es wird wieder Zeit für mehr Aktivität

Hui, da hat sich ja schon lange nichts mehr in diesem Blog hier getan. Das muss sich wieder ändern.

Fangen wir mal kryptisch an, um die Neugier und das Interesse zu steigern:

Ab morgen "final 4", mehr dazu in den nächsten Tagen ...

Dienstag, 24. September 2013

Grüezi mitenand zum 24-Stundenlauf in der Schweiz

Nun ist es also soweit. Das Wochenende des 24-Stundenlaufs in Brugg ist da. Seit einem Jahr denke ich immer wieder an das Datum 21.9.2013, da mein Startplatz aufgrund des Nichtantritts infolge einer Achillessehnenansatzentzündung von 2012 auf 2013 transferiert wurde.

Wie aus den Vorberichten im Blog (http://martin24h.blogspot.com) bekannt verlief dieses Jahr wechselhaft. Zunächst die neue Marathon-PB in Mailand, dann wieder Verletzungsschwierigkeiten in der eigentlichen Ultralaufvorbereitung und der verpatzte, "lockere" Trainingslauf (zumindest war er als solcher geplant gewesen ...) bei den 24-Stunden von Irdning (http://martin24h.blogspot.com/2013/07/das-war-der-24-stundenlauf-in-irdning.html). Danach ein kurzer Urlaub und dann der endgültige, hoffentlich problemlose Formaufbau für Brugg über 9 1/2 Wochen. Details dazu gab's im Blog nicht, es gab keine wirklichen Höhepunkte zu berichten und die ewigen Statistiken erschienen mir schon zu öde für den geneigten Leser. Jedenfalls war das Training dosierter als vor Irdning. In den Belastungswochen etwa 12-16 Wochenstunden Training. Davon verbrachte ich 75-80% der Zeit mit Laufen, den Rest am Rad/Ergo. Persönlich zuversichtlich stimmten mich die letzten beiden langen Läufe drei bzw. zwei Wochen vor Brugg mit 56km in 5:06min/km und 48km in 4:53min/km. Beides absolvierte ich als Mentaltraining auf der bekanntlich (wenn man so wie ich nach den Holzlatten läuft) 4 Kilometer langen, schnurgeraden Prater-Hauptallee. Rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter, usw.

Neben dem Training sind aber natürlich auch der Faktor Infrastruktur vor Ort wichtig sowie für mich auch ganz, ganz entscheidend die Betreuung während des Laufs. In der Ergebnisliste aus dem Vorjahr entdeckte ich den Namen "Heike Bergmann". Heike war mir über Kommentare via Facebook bei einem Ultralauffreund bekannt, daher wandte ich mich vertrauensvoll an sie, um Details zu Brugg zu erfahren. Beleuchtung, Labestation, Streckenbeschaffenheit waren nur einige Punkte meines ausführlichen Fragenkatalogs. Ebenso so ausführlich wie meine Fragen war auch das Feedback von Heike. Ich hatte also schon eine sehr gute Vorstellung, was mich in Brugg erwarten würde! Vielen Dank für Deine Hilfe Heike!

Infrastruktur war damit abgehakt, nachdem es vor Ort wahrscheinlich keine Stromversorgung geben würde, schaffte ich noch zwei starke Batteriecampinglampen an, die sich auch bewährten. Ich kann also eine Empfehlung für liteXpress Camp 203 RC (http://www.litexpress.com/de/laternen/camp/camp-203-rc/) an dieser Stelle aussprechen. Nebenbei ist so eine Laterne selbst dann sinnvoll, wenn es Strom und Beleuchtung vor Ort gibt. Das merkte ich in Irdning, wo ich genau in einem Lichtschatten stand und in der Nacht bei meinem Tisch fast nichts erkennen konnte.

Blieb noch die Betreuung. Ein Verhältnis Betreuer zu Läufer von 1:1 ist zwar gut, aber 2:1 ist wesentlich besser, weil dann einer der beiden Betreuer zwischendurch auch schlafen kann ohne dass der Läufer auf sich allein gestellt ist. Und ab und an sind vier Betreuerhände gleichzeitig auch besser als zwei. So versuchte ich das Erfolgs-Team meiner bisherigen Bestleistung aus Irdning 2011, also Carola und Winfried, zu reaktivieren. Und zu meiner großen Freude sagte Winfried zu, mich gemeinsam mit Carola (sie hatte ja nicht wirklich die Wahl, ob sie möchte oder nicht ;-)) zu betreuen.

Jetzt wurde es also langsam wirklich ernst.

Mittwoch vor dem Lauf hatte ich bereits Urlaub genommen, um meine Essensvorräte zu komplettieren. Energie für einen 6-Tage-Lauf verpackte ich in diverse Kartons, weil der werte Herr Ultraläufer will sich ja nicht im vorhinein festlegen, wonach ihm wann in welcher Menge der Geschmack ist. Kleiner Vorgriff: bis Jahresende könnte ich mich wohl von der nach dem Lauf verbliebenen Restmenge an Schokoladen, Reis, Obstriegel, Soletti und Schnitten ernähren :-D, denn die Labe vor Ort war ausgezeichnet und deckte einen Großteil der Verpflegung ab.

Neben dem Essen wurde unser Wohnmobil noch mit Laufgewand & Co vollgerammelt. Donnerstag früh startete ich dann los Richtung Schweiz - alleine. Carola flog erst am Freitag nach Zürich und dann ging's weiter mit der Bahn nach Brugg. Brugg liegt übrigens etwa zu Zürich wie Tulln zu Wien, also eine komfortable Verbindung. Außerdem wäre im Wohnmobil ohnehin kein Platz für eine Mitfahrerin gewesen. Um sich einigermaßen im Wohnmobil bewegen zu können (bzw. zu schlafen), waren einige Verschiebespielchen mit dem Equipment von Nöten.

Lustenau/Zwerglidorf
Bis Donnerstag abends schaffte ich es nach Lustenau, wo ein kleiner Lockerungs-Trab am Programm stand und dann rasch ins Bett, weil es wurde ohnehin bald kühl, sodass der warme Schlafsack sehr einladend war. Und die dann folgenden über 9 Stunden Schlaf taten mir auch gut - einerseits war ich müde von der Fahrt, andererseits stand mir Schlafentzug Samstag/Sonntag bevor.

Freitag früh dann weiter nach Brugg, ab 12h sollte das Gelände geöffnet und die Zeltplätze beziehbar sein. Um 11h kam ich an, noch tat sich nicht wirklich etwas. Nur ein deutsches Läuferehepaar hatte schon das Auto auf einem Zeltplatz geparkt. Das Laufgelände selbst befindet sich auf einer kleinen Insel, umflossen von den Flüssen Strängli und Aare. Impressionen der Strecke finden sich hier: http://www.24stundenlauf.ch/de/laufinfo/laufstrecke.html. Auf der Insel hat auch das Schweizer Militär einige Einrichtungen und Soldaten nutzen die Insel zum Konditionstraining, wo neben den üblichen Militärspielereien (z.B. Hindernisbahn mit Stacheldraht) auch einige Trailelemente in den Waldteilen der Insel angelegt sind. Ebenso scheint die Insel Erholungsgebiet für die Einwohner von Brugg zu sein. Viel los war auf der Insel aber das ganze Wochenende nicht.

Streckenpräparierung
Die ohnehin - weil flach und ohne Ecken - schon schnelle Strecke wurde übrigens freitags nochmals extra gereinigt, um die letzten Reserven herauszukitzeln.

Während ich noch überlegte, auf welcher Position bei den Zeltplätzen ich unser Lager aufschlagen würde, kam auch schon Gerhard "Eggi" Eggenreich mit seiner dreiköpfigen Betreuer-Crew an. Gerhard zählt zu den besten Ultraläufern Österreichs (24h-PB 232,38km) und ich freute mich sehr, als ich seinen Namen auf der Startliste entdeckte, weil ein bekanntes Gesicht während des Laufs auf der Strecke tut schon auch gut. So bezogen wir dann unsere Plätze: Eggi standesgemäß auf Position 1, ich mit kleinem Respektabstand auf Position 3 - naja, näher ging nicht, weil unsere deutschen Freunde auf Position 2 standen ;-). Jedenfalls war mein Platz gerade einmal 50 Meter von der offiziellen Labestation entfernt, das sollte also auch ideal für die Betreuung sein.

Jetzt noch rasch das Zelt aufbauen, damit ich mich im Wohnmobil endlich etwas besser bewegen konnte und dann wieder Beine lockern und ein bisschen Laufen. Lust auf Ausflug hatte ich keine, daher trabte ich einfach gleich die ersten Runden auf der Laufstrecke - sehr zum Gaudium von Eggi und seinem Anhang, die meinten, ich wäre zu früh dran :-D. Die Strecke gefiel mir, etwas windanfällig schien sie aber. Allerdings war der Wind am Freitag auch eher kräftig. Und so schlimm würde es nicht werden, da die Strecke insgesamt nur 934.8 Meter lang war, sodass man maximal 350 Meter am Stück gegen den Wind laufen musste, wenn es ganz schlimm kommen sollte. Der Asphalt sehr gut, keine Löcher drinnen, also falls die Beleuchtung schlecht sein sollte, keine Verletzungsgefahr in der Nacht. Und durch die Wiese im Innenraum der Strecke war auch die gesamte Strecke jederzeit einsehbar. Gut zur Orientierung und man würde sich beim Lauf sicherlich nicht einsam fühlen, da das Läuferfeld stets im Blick war. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl hier.

Nach meinem kurzen Lauf dann noch Dehnen, Veranstaltung meiner eigenen Tortelloni-Nudel-Party, Duschen, Startvorrat an UltraSports-Buffer-Getränk anmischen und dann war es eh schon später Nachmittag und Zeit, Carola vom Bahnhof abzuholen. So hatte ich die Gelegenheit doch ein bisschen was von Brugg zu sehen. Gut, viel war es nicht, weil der Fußweg zum Bahnhof am direkten Weg gerade einmal ein läppischer Kilometer war. Also wirklich alles klein fein beisammen. Wie nicht anders zu erwarten in der Schweiz fuhr auch die S-Bahn mit Carola auf die Sekunde pünktlich ein und so waren wir bald wieder zurück am Laufgelände.

Ich zeigte Carola, wo im Wohnmobil ich überall Essen versteckt hatte. Immer wieder erstaunlich wieviel Stauraum wir auf unseren 9m^2 Wohnraum haben.

Carola drehte dann auch spazierend eine Runde auf der Laufstrecke, wobei sie allerdings im hinteren Eck der Strecke mehrmals nachfragte (die Verständigung war nicht ganz einfach, sowohl Österreicher als auch Schweizer sprechen ja eine sehr seltsame Abart von Deutsch ;-) ), ob sie ohnehin queren könne, da gerade eine Gruppe dem Hornussen frönte. Wer sich jetzt fragt was Hornussen ist ... http://de.wikipedia.org/wiki/Hornussen_%28Sport%29

Um 21h30 ging es dann aber auch schon für uns beide ab ins Bett, wo wir erst wieder am Samstag um knapp viertel nach acht wieder rauskrochen. Fast 11 Stunden Schlaf, ich sollte also wohl wirklich ausgeruht sein. Jetzt frühstücken und dann unser Basislager fertig ausstatten.

Basislager (mit Athlet und Betreuer)
Wobei da Carola die Arbeit übernahm, während ich nur faul weiter im Wohnmobil herumlungerte. Allzu sinnvoll wäre meine Mitarbeit aber ohnehin nicht gewesen, da ich bereits seit Freitag Nachmittag eine gewisse zunehmende Nervosität verspürte, die sich in einer extremen Fahrigkeit manifestierte. Ein Opfer davon: der Henkel unseres Messbechers hielt meiner aufgestauten Energie und Urgewalt nicht mehr stand ;-). Also bloß nix mehr angreifen, nichts kaputt machen und mich selbst nicht verletzen.

Erklärung Läuferhandbuch
Um 10h30 kam dann auch Winfried via Flugzeug, Zürich und S-Bahn in Brugg an. Auch für ihn noch eine kleine erste Einschulung, den Rest erledigte dann Carola während des Laufs. Wobei so eine 24-Stundenlauf-Betreuung für mich nicht einfach ist. Denn ich weiß mittlerweile, dass ich beim Rundenlaufen nach einiger Zeit jegliches Körpergefühl verliere, was Essen und Trinken betrifft. Damit ich aber nicht zuwenig oder zuviele Kohlenhydrate und nicht zuwenig oder zuviel Flüssigkeit zu mir nehme, sollten Carola & Winfried möglichst alles auf vorgefertigten Rastern protokollieren. Anhand dessen sollten sie auch steuern, was sie mir wann zu essen und zu trinken geben und was dem werten Athleten wohl munden könnte. Verkompliziert wird die Sache noch, wenn der Athlet dann selbständig bei der Labe zugreift und in letzter Sekunde die vorgefertigte Mahlzeit adaptiert werden muss. Aber wenn ich mich nur auf mein Gefühl verlasse, esse ich wahrscheinlich viel zu viel und trinke zu wenig und lande im Straßengraben. Deshalb waren mir auch zwei Betreuer so wichtig, damit stets eine/r munter ist und mich unter Kontrolle hält. Jedenfalls war das Handbuch zur Läufersteuerung, welches Essenstabellen, Zeittabellen, usw. enthielt, etwa einen guten Zentimeter dick. Ein Flugzeug steuert sich wohl leichter als ein Martin.

Auch einige Liter an schwarzem Tee (für die Nacht anstelle von Koffein) sowie Pfefferminztee (zur geistigen Belebung und geschmacklichen Erfrischung) bereitete Carola noch vor.

Jetzt wurde es dann langsam wirklich ernst. Umziehen, eine Runde eintraben zum Aufwärmen, Chip für die Zeitnehmung montieren, Übergewand ausziehen und ab zum Start, nach übrigens - lustiger Zufall - exakt 3.000 heuer bisher gelaufenen Kilometern. Und das Herz ging Richtung Hose ... 24 Stunden, so viele Runden, werde ich das wirklich schaffen, ich bin so klein, die 24 Stunden so groß, uiuiuiui.

Am Start dann etwas Entspannung, das übliche Ultralaufprozedere. Während sich bei den Straßenläufen alles in der ersten Reihe drängt und kein Meter verschenkt werden darf, halten hier alle einen Respektabstand zur Startmatte ein, keiner will wirklich in die erste Reihe, alles schön locker. Noch ein bisschen gegenseitige Glückwünsche, dann der Countdown ... 1 Minute, 30 Sekunden, füüf, vier, drü, zwei, eis, Peng, los geht's. Auf ins Abenteuer.

Mein Lauftempoplan für die ersten Stunden war klar. Nachdem der Mensch ja vor allem durch Nachahmen lernt, würde ich also heute versuchen, richtig gute Läufer zu imitieren. Als großer Zahlen- und Statistikfan habe ich daher den Rennverlauf der Top-10 bzw. Supra-200km-Läufer aus Irdning der letzten Jahre ausgewertet und auf meine Zielleistung von 203 Kilometern re-skaliert. Es zeigt sich dabei ein klares Bild (kein Scherz!): Das Tempo v (in km/h) in Abhängigkeit der Wettbewerbsstunde h folgt der Formel v(h) = 10.40331859 - 0.27085001*h + 0.0811937*h^2 - 0.0185283*h^3 + 0.00172981*h^4 - 0.00006997*h^5 + 0.00000102*h^6 (R^2 = 0.9875).

Tempoplan pro Stunde
Allerdings ist dabei auch der um zwei Stunden spätere Start in Irdning und die höheren Temperaturen am Nachmittag zu berücksichtigen. Weiters streuen die untersuchten Läufer natürlich auch. Mein Plan daher: die ersten Stunden an den Langsam-Startern orientieren, um nicht zu viel Energie gleich am Anfang zu verschießen, dann im Mitteldrittel leicht über dem Durchschnittstempo weiterlaufen (da der Biorhythmus mit Start um 12h besser sein sollte als mit Start um 14h) und dann im letzten Drittel wie im Durchschnitt langsamer werden. Grafisch präsentiert sich das wie rechts dargestellt.

Also eh alles ganz einfach. Achja, dass mich Langsamlaufen stark anstrengt, weil mir im Training einfach der Nerv für ein Lauftempo über 5:10min/km fehlt (das macht einfach keinen Spaß) und ich daher darauf nicht konditioniert bin, ist mir mittlerweile klar. Daher wird das eine Art extensives Intervalltraining. Für die Verpflegung brauche ich sowieso Gehpausen von etwa 3 Minuten, damit alles gut gekaut werden kann. Somit ist der Rhythmus klar: etwa drei Minuten nach meinem Basislager gehen, dann drei Minuten Laufen bis ich wieder beim Basislager bin, dann wieder Gehen, Laufen, Gehen, Laufen. Die Streckenlänge von 934.8 Meter ist dafür ideal, da dies etwa 640m Laufen, 300m Gehen bedeutet. Laufen sollte dabei solange als möglich in etwa 5:00min/km erfolgen. Einzig die erste Runde wollte ich durchlaufen. Gesagt, getan.

Anfangsphase
Mit dem Ergebnis, dass ich das Läuferfeld nach der ersten Runde als Führender zu Start/Ziel zurückbringe :-D, um dann aber wenig später von fast allen in meiner darauffolgenden ersten Gehpause wieder überholt zu werden. Egal, für mich gilt: Remember to Walk Early and Remember to Run Late. Mit fortschreitender Laufzeit und geringerem Lauftempo sollten dann die Gehpausen etwas kürzer werden, die Laufphasen länger und beides aber hoffentlich mit dem nachlassenden Plantempo nicht zu anstrengend werden, d.h. die Gehpausen immer noch lange genug zur Erholung sein.

Das Tempo pendelte sich recht gut ein und war nur minimal schneller als die geplanten 6:07min/Runde (6:33min/km), fühlte sich aber anstrengender an, als erwartet. Dies lag einerseits am noch vorhandenen leichten Gegenwind auf der Start/Zielgerade, andererseits am praktisch mit dem Startschuss eintretenden Hungergefühl. Hm, also gleich etwas essen? Nicht gut, der Fettstoffwechsel sollte sich doch am Anfang einmal aktivieren. Wenn ich gleich mit Kohlenhydraten loslege, dann passiert das aber nicht. Also etwas zuwarten. Knapp bevor die erste Stunde vorbei war, dann der erste Griff zu Bananen und bald darauf die erste Nudelportion. Das Laufgefühl aber weiterhin sehr zäh, die Zweifel groß. Das soll ich 24 Stunden lang durchhalten? Die Panik: nach zwei Stunden schon alles vorbei, ist das heute einfach wieder ein Tag, an dem nix läuft? Wieder alles umsonst? Ich versuchte, mir nicht allzuviel anmerken zu lassen und Carola & Winfried nicht ebenfalls in Panik zu versetzen. Es wird hoffentlich schon noch werden.

Auch die Stimmung konnte mich nicht wirklich aufrütteln, denn die ersten Stunden verliefen recht monoton. Die Schweizer waren jetzt nicht so auf Stimmungsmachen aus und auch im Läuferfeld gab es kaum Gespräche oder das übliche Ultra-Getratsche. Das lag aber wahrscheinlich auch daran, dass der Ultra-Straßenlauf in der Schweiz nicht so sonderlich populär ist (im Vergleich zum Ultra-Trail-Lauf) und auch trotz der im Rahmen dieses Laufs ausgetragenen Schweizer Meisterschaft im 24-Stundenlauf das Starterfeld klein war. So beschnupperte man sich zunächst nur sehr vorsichtig und blieb lieber auf Distanz.

Das Futtern half mir jedoch und ab der dritten Stunde lief es langsam besser. Die vierte Stunde verging dafür aber überhaupt nicht. Das war sicherlich auch psychologisch bedingt, da bei Start/Ziel die Rennuhr als Countdown von 24:00:00 rückwärts lief. Und in der vierten Stunde ersehnte ich schon sehr den Sprung von 2x:xx:xx auf 1x:xx:xx, der aber nicht und nicht kommen wollte.

Aber nachdem es endlich 19:59:59 geschlagen hatte, kam ich in Fahrt. Jetzt nur nicht überpacen, schön brav auf Kurs bleiben, den Lauf genießen. Auch ein bisschen den Blick schweifen lassen. Lustig: Eggi und ich, die beiden Ösis, waren mit dem größten Equipment angereist. Eggi mit Zelt und ich überhaupt mit dem Overkill: Zelt & Wohnmobil. Die anderen begnügten sich bestenfalls mit einem ganz kleinen Einmannzelt.

Gehpause, rechts vorne das
Konzept der Streckenbeleuchtung
Mit meinem etwas unorthodoxen Laufrhythmus fiel ich offenbar auf. Nach 7h40 fragte mich John Pares (24h-PB 252,55km) zunächst während einer Gehpause, ob ich ohnehin okay bin, um nach meiner Erklärung, dass das mein Plan ist, weil ich beim Langsamlaufen zu ineffizient bin, zu entgegnen "yeah, you're looking strong". Das gab mir Berge!

Auch Eggi feuerte mich jedes Mal an, wenn wir uns begegneten. Ich hatte also Aufwind, es lief. Ich war locker. Auch die Ernährung spielte sich ein, immer schön abwechslungsreich wurde ich von Carola und Winfried versorgt. Nudeln, Soletti, Banane (die schnappte ich mir selbst von der Labe), etwas Iso, auch mal ein Gel, und vor allem immer wieder herrliches Brot von der Labe besorgten sie. Das war echt supergut - würzig, aber ohne den Magen zu irritieren. Und noch früher als erwartet verlor ich schon zu Beginn des Laufs wieder jegliches Körpergefühl, umso wichtiger war die aufmerksame Protokollierung von Essen & Trinken.

So kam ich dann auch mit einem Schweizer Ultraläufer namens Roman ins Gespräch, der seinen ersten 24-Stundenlauf bestritt, aber an der Spitze mitlief. Er fragte mich, was es denn mit meinem Laufrhythmus auf sich hat. Also Erklärung "Langsamlaufen bla bla bla". Er hielt den Ansatz für interessant und probierte ihn für sich aus. Um einige Runde später strahlend zu erklären, dass ihm das Laufen jetzt so viel mehr Spaß machen würde als das langsame Einheitstempo. Zum Schluss kam er übrigens bei seinem 24-Stunden-Debüt gleich auf 197.95km :-O ... was bin ich doch für ein Nockerl ;-)

Aber das ist halt auch, was für mich Ultralaufen ausmacht: die gegenseitige Unterstützung, der Zusammenhalt und der Respekt und die Freude für die Leistung des anderen.

Ich drehte auch weiter meine Runden. Mittlerweile wurde es - zumindest mir - leicht kühler und ich wechselte als erster auf ein Langarm-Shirt. Bloß keine Energie vergeuden, wenn der Körper sich unnötig warm halten muss. Außerdem war das Shirt meiner Wahl das Finisher-Shirt vom OC-Chili-Trail-Run: einer der beiden meiner Läufe, wo ich einen Gesamtsieg feiern durfte. Also eine kleine Zusatzmotivation fürs Unterbewusstsein.

Mittlerweile waren 8 Stunden des Laufs vergangen, das erste Drittel geschafft und bei Carola ging es in ihre geplante 5-stündige Schlafpause von 20h-1h. Danach würde sie Winfried ablösen, damit dieser von 1h bis 6h zu etwas Schlaf kommt.

So recht klappte das aber mit der Ruhephase für Carola nicht. Denn nach 9h ein erster längerer Klostopp von mir im Wohnmobil. Muss aber auch sein und beunruhigte mich noch nicht.

Nachtstimmung, die 100km
sind bald erreicht
Knapp vor Ablauf von 11 Stunden hatte ich 100km absolviert und damit auch eine neue 100-Kilometer-PB aufgestellt. Dafür gab's einen Jubel bei Start/Ziel und als Belohnung ein Stück weiße "Schokli". Und Winfried hängte mir meinen Spruch "mit 100km, da fängt der Lauf erst richtig an, mit 100km, da hat man Spaß daran, mit 100km, da kommt man erst in Schuss, mit 100km ... ist noch lange nicht Schluss!" auf. Befeuert vom Disco-Effekt der Camping-Laterne. Nach dem Lauf kamen wir bzw. Winfried drauf, was es mit dem Disco-Effekt (Blinklicht, aber in unregelmäßigen Abstand) auf sich hat. Ich dachte ja, dass es sich um eine billige Elektronik ohne exakten Signalgeber handelt, aber es ist viel besser: die Laterne morst S-O-S ... nur gut, dass ich das beim Lauf nicht gewusst hatte, weil 100km und SOS kommt nicht so gut :-D

Nur wenig später war leider schon wieder ein Boxenstopp bei mir fällig. Nix schlimmes, kein Durchfall, aber dass der Darm in kurzer Zeit soviel Ausschuss produziert, müsste doch bitte nicht sein. Der Darm soll die Energie verwerten und meinen Beinen zur Verfügung stellen und nicht die Nahrung einfach umverpacken und wieder auf die Reise schicken.

Aber jedenfalls war ich nach 12h immer noch gut im Plan, gerade einen Kilometer dahinter, d.h. es lief immer noch in Richtung 200km. Und so fühlte ich mich auch. Es war Mitternacht, ich fühlte mich gut. Seit dem Abend trank ich auch immer wieder schwarzen Tee. Müdigkeitsgefühl hatte ich daher entweder wegen des Tees oder des vielen Schlafs die letzten zwei Tage überhaupt keines.

Nach 12h30 der nächste Boxenstopp: nach einer Stunde schon wieder soviel produziert? Blöder Magen.

Nach 13h habe ich zunehmend Schwierigkeiten das Tempo zu halten. Ich versuche die Gehpausen zu verkürzen bzw. die Gehphasen durch kurzes Antraben zu unterbrechen um ein bisschen Zeit herauszuholen, nachdem das Laufen nicht mehr so locker geht. Die mir bekannte Leere stellt sich ein. Also essen, essen, essen. Nur was? Auf Zucker scheint der Magen sofort zu reagieren, nach 13h30 wieder Klostopp. Da kann doch nix mehr drinnen sein bzw. wenn da was drinnen ist, welche Energie hab ich dann in den Muskeln? Keine ... fühlt sich zumindest so an.

Also Notfallprogramm anwerfen. In der Vorbereitung auf Brugg habe ich ein Rezept gegen Reisediarrhoe gefunden und "Rehydrierungslösung" getauft: 1 TL Kochsalz, 8 TL Zucker, eine zerdrückte Banane (allerdings ersetzt durch Maltodextrin 19) in 1L Wasser auflösen. Das musste es jetzt sein. Runter mit einem halben Liter davon, bis auf weiteres nur gehen, damit der Körper sich mit der Energie füllen kann.

Auch immer wieder für wenige Minuten im Regiestuhl ausruhen, aber auch auf die Betreuer hören, dass ich wieder weitermachen soll. Denn ganz wichtiger Merksatz für Ultras: "If you bring a chair, bring someone to kick you out of it, too".

Irgendwann hatte ich mir auch meinen MP3-Player geschnappt, der lenkte auch ab. Bei Start/Ziel gab es jetzt auch per Beamer Zwischenstände an einer Wand. Und trotz meiner Schwäche rückte ich Platz um Platz vor. Tja, "wer sich bewegt, hat schon gewonnen" - auch so ein netter Spruch.

Aufgrund der Insellage ist die Feuchtigkeit mittlerweile sehr hoch. In der Nacht wabbern Nebelschwaden über das Gelände, eine interessante Szenerie. Der (noch fast) Vollmond verleiht eine natürliche Helligkeit, dazu stehen rings um die Strecke alle 25 Meter Leuchtstoffröhren und sorgen für gute Sicht. Müdigkeit oder Wunsch nach Schlaf ist nach wie vor nicht da.

Ich versuche auch, Denken an Zeit und Distanz soweit als möglich auszuschalten und nur links, rechts, links, rechts, Schritt für Schritt und Runde für Runde zu absolvieren. Mittlerweile ist mein Körper ein einziger Gewitterherd. Überall im Körper blitzt es, mal dort ein Stich, mal da, nie wirklich vorhersehbar, wo es als nächstes einschlägt. Die Fußsohlen brennen, da dürfte es schon einige Blasen geben. Nein, Spaß macht das derzeit wirklich keinen. Aber so ist das mit dem 24-Stundenlaufen. Vorher liebt man es, nachher (?) liebt man es, währenddessen ist es nach einiger Zeit (zumindest für mich) die Hölle.

Irgendwann zwischendurch verlange ich von Carola ad-hoc drei verschiedene Sachen (Gewand, Essen und noch irgendwas - ich weiß es nicht mehr genau), was natürlich nicht klappen kann. In der Sekunde ist meinem Hirn das aber überhaupt nicht klar und ich beginne zu meckern. Glücklicherweise ist genau in diesem Moment Eggi neben mir und entschärft die Lage mit einem trockenen "Ruhig Blut, sie kann nicht zaubern. In der Ruhe liegt die Kraft!".

Nach etwa 19 Stunden (genau weiß ich es nicht mehr, Zeit & Raum sind in der Erinnerung stark verschwommen) und etwa 145 Kilometer teile ich Winfried mit, dass ich jetzt mal nichts mehr riskiere und Laufversuche einstelle. Ich möchte nur mehr sicher bis zur 160 Kilometer-Marke und damit neuer Bestleistung (und Erreichung des Minimalziels) kommen. Und bloß keinen kompletten Einbruch durch Verbrauch der letzten Energiereserven riskieren. Auch Carola informiere ich auf der Laufstrecke. Sie absolviert nämlich gerade im Rahmen des um 6h früh gestarteten 6-Stundenlaufs ihren geplanten langen 3h-Dauerlauf. Und damit sie nicht Strecke suchen muss, halt idealerweise auch im Rahmen der Veranstaltung. Wirkt dann recht lustig, weil ihr Tempo aufgrund der 3h-Gesamttrainingszeit natürlich deutlich über den 6h-Läufern (und erst recht über dem der 24h-Läufer!) liegt und sie locker flockig am Feld vorbeispringt.

Langos-Motivation;
Foto-Montage von
Jean-Marie & Carola
Zwischenzeitig komme ich bei Kilometer 153 an. In Anlehnung an mein Langos in Irdning 2012 (beschrieben in http://martin24h.blogspot.co.at/2012/07/tagen-wie-diesen.html) sowie der erreichten 152 Kilometer in Fano, lobte meine Lauffreundin Katrin ein Langos für jeden aus, der 2013 innerhalb von 24-Stunden eine Distanz von zumindest 152 Kilometern zurücklegen würde. Die genauen Restmeter von Fano waren mir nicht mehr erinnerlich, daher rundete ich einfach sicherheitshalber auf und 153 Kilometer war meine Langos-Distanz. Diese feierte ich aber nicht mit einem Langos - da wäre mir diesmal schlecht geworden -, sondern stattdessen mit kräftigen Schlucken der Rehydrierungslösung. Tat gut. Eine Sitzpause war, glaube ich, auch wieder dabei, um für einige Minuten halbwegs schmerzfrei zu sein. Weil das Gewitter tobte immer noch. Ich weiß auch nicht, wie oft ich in den 24-Stunden stöhnte, auauauauau ausstieß und Grunzlaute von mir gab.

Dazwischen lenkten die jetzt doch aufgekommenen Gespräche zwischen den Läufern etwas ab. Roman gesellte sich immer wieder zu mir oder holte mich auch aus meinem Stuhl ab ("komm, spring ein bisschen mit mir"). Die laufende Protokollierung von Essen & Trinken führte auch zu der Vermutung, dass wir hier eine Studie durchführen würden. Nein, tun wir nicht. Wobei: interessant wäre es schon einmal, weil das 24-Stundenlaufen ist meines Erachtens eh zu wenig erforscht.

Auch die Sprüche, die Carola & Winfried am Rand der Strecke deponierten (und die immer wieder anders arrangierten Plüschtiere) sorgten für Erheiterung im Läuferfeld.

Nach 157 Runden dann ein kleiner Schock: meine Uhr zeigte mir eine Runde mehr an als die offizielle Zeitnehmung. Hm, habe ich wirklich einmal irrtümlich bei einer Pause beim Basislager eine Rundenzeit genommen? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, weil ich bin zwar gaga, aber Zeitnahme ist ein Reflex, den steuert das vegetative Nervensystem, da passiert nix Falsches.

Winfried versucht zu reklamieren, aber während des Laufs und ohne mein Rundenprotokoll ist das natürlich nur schwer möglich. Jedenfalls zeigen sich aber schon zwei klar auffällige Runden, die Kandidaten für ein fehlendes Signal sind. Das werden wir dann nach dem Lauf klären.

Nach 21 Stunden habe ich 160 Kilometer und eine neue Bestleistung erreicht. Mindestziel geschafft, jetzt kann nix mehr passieren. Also probiere ich es mit ein paar Laufschritten. Nein, da geht gar nix. Meine Muskulatur ist durch die Feuchtigkeit sehr kalt, die Knie entzündet, die Füße geschwollen, das Fußgewölbe schmerzt und sticht, die Hüfte rechts brennt. Lieber nur weitergehen, da sind die Schmerzen halbwegs erträglich.

links, rechts, links, rechts
Ich versuche zu rechnen, wie viele Kilometer ich schaffen könnte. Knapp unter 170km ergibt meine Hochrechnung. Aber einfach weiter, links, rechts, links, rechts. Ab und an geht auch Carola, die ihr Training nach 41km beendet hat, eine Runde mit mir. So kommen bei ihr in der 6-Stundenwertung auch noch ein paar Kilometer dazu und mich lenkt es ab. Auch Winfried begleitet mich so wie in der Nacht schon einige Male.

Motivation
Ein Spruch für die letzte Stunde wird von Winfried modifiziert - er glaubt an mich, also glaube auch ich an mich und versuche alles zu geben, was der Körper noch drinnen hat. Damit bloß kein Klostopp mehr eine unnötige Pause erfordert, stelle ich die Nahrungsaufnahme ein - wird jetzt eh nicht mehr rechtzeitig verstoffwechselt und bitte für eine Stunde Sport braucht man doch keine Zusatzenergie. Normalerweise sondere ich ja bei einem Training von einer Stunde den überheblichen Spruch ab "für eine Stunde zieh ich mich doch gar nicht erst um". Eine Stunde kann aber auch verdammt lang sein!

Kurz vor Schluss gesellt sich John Pares zu Carola und mir und die üblichen Ultragespräche (wer wann wo was gemacht hat/machen wird, IAU, WM, ...) gehen los. Dass John, der jetzt in der Schweiz lebt, eigentlich aus Nordwales stammt und Carola von der Ultra-Trail-WM ebendort sehr angetan war, befeuert natürlich die Unterhaltung. Bei so viel positiver Energie und guter Laune werden meine Beine plötzlich immer schneller beim Gehen und ich verabschiede mich mit einem "I try to push a little bit" nach vorne.

Und dann ist es so weit: was ich mir nach 21 Stunden nicht vorstellen konnte: ich hatte auch nach der offiziellen Rundenmessung (wo immer noch eine Runde m.E. fehlte) die 170km geknackt.

Die letzten Runden brechen an, ich bekomme mein Hölzchen, welches ich nach exakt 24 Stunden an meiner dann erreichten Position fallen lassen werde, damit die exakt zurückgelegten Restmeter ab der letzten Start/Zielüberquerung gemessen werden können. Zwei Runden könnte ich jetzt noch schaffen. Auf der letzten Runde begleitet mich das gesamte Betreuerteam - nicht nur Carola & Winfried, sondern wer sich bei den Fotos bisher über die Plüschtiere gewundert hat: die haben alle ihre speziellen Funktionen in der Betreuer-Crew und verfügen mittlerweile auch über einiges an Ultralaufbetreuungserfahrung. Drei Minuten vor Ende überquere ich ein letztes Mal die Start/Ziellinie. Jetzt noch zwei Minuten gehen und dann werde ich mich überwinden, endlich einen lange gehegten Traum zu verwirklichen. Die letzte Minute eines 24-Stundenlaufs noch zu laufen!

Fertig!
Und so war es dann auch. Mit einer Art Zielsprint schaffe ich es noch zurück bis zum Basislager - was einerseits noch 400 Zusatzmeter ab Start/Ziel gebracht hat, andererseits auch das sofortige Fallenlassen in den Sessel ermöglichte. Zufrieden und lächelnd (die Muskelkraft fehlte etwas, daher kommt das innerliche Strahlen nicht so ganz raus) war der Lauf vollbracht.

Jetzt blieb nur noch der Abgleich der fraglichen Runde aus dem offiziellen Zeitprotokoll mit meinen Aufzeichnungen. Und ja, es war eindeutig, dass der Chip einmal nicht ausgelöst hatte. Und so wurde mir die fehlende Runde auch noch gutgeschrieben und ich habe meine neue Bestleistung mit 172,396 Kilometern erreicht. Ein neues Längenmaß, das ich bei der Heimfahrt als "ein Brugg" definiert habe. Hier die grafische Darstellung des Rennverlaufs zwischen Plan und tatsächlicher Leistung ...

Plan pro Stunde und Realität
Kumulierte Kilometer nach Plan
und Realität sowie Differenz


Und für meine eigene Visualisierung, weil ich mir die Distanz vor und nach einem Lauf ja auch nie vorstellen kann, dass ich das wirklich zurückgelegt habe. Ich habe meine Bestleistung von der Distanz Wien-Enns auf Wien-Ansfelden gesteigert.
Ab hier schaffe ich es in 24 Stunden
auf zwei Beinen nach Wien!

Fazit von Brugg:
*) geniales Betreuer-Team: vielen, vielen, vielen Dank, ohne Euch wäre diese Leistung für mich niemals möglich gewesen!
*) tolle Veranstaltung, mir hat es an nichts gefehlt
*) eine Empfehlung für jeden, der einen 24-Stundenlauf machen möchte, der - im positiven Sinne - auf das sportlich Wesentliche reduziert ist, aber gerade dadurch Topleistungen ermöglicht
*) gute Lage und damit auch für alle Zugreisenden ideal zu erreichen

Bleibt die Frage nach meiner Ultra-Zukunft. Schon vor dem Lauf in Brugg hatte ich für Ende April 2014 den 24-Stundenlauf von Sarvar (Ungarn) ins Auge gefasst. Mit einem Kilometer Rundenlänge, jahreszeitmäßig und anreisetechnisch recht verheißungsvoll. Und immerhin lief die heurige Siegerin in Irdning dort ihre bisherige Bestleistung, die Strecke sollte also gut sein.

Während des Laufs in Brugg kamen mir allerdings starke Zweifel, ob ich mir diese Qual wirklich wieder antun will. Das Durchhalten und Gehen bis zum Schluss zeigt zwar vielleicht Überwindungswillen, Spaß macht es aber nicht wirklich. Für den nächsten 24-Stundenlauf möchte ich bis zum Schluss zu regelmäßigen Laufschritten in der Lage sein, damit ich Freude am Lauf habe und vielleicht wirklich einmal in meine Traumregion von 200 Kilometern vorstoßen kann. 

Dorthin führen aus meiner Sicht zwei Wege:

*) Effizienter werden beim Langsamlaufen. Derzeit ist für mich ein Schnitt von 7:00min/km wesentlich anstrengender und unrunder als 5:00min/km. Das bedeutet aber auch, dieses Tempo im Training lange zu laufen, was einerseits zeitaufwändig ist und mir auch kaum Spaß macht. Diese niedrigintensiven Einheiten habe ich alle am Rad absolviert, aber davon wird der Laufschritt nicht effizienter.

*) Wechseltempo 5:00min/km Laufen und Gehen länger durchhalten. Dafür muss ich energieeffizienter beim Laufen werden, denn offenbar brauche ich mehr Energie als der Magen sinnvoll verarbeiten kann. Nach 13-14 Stunden Dauerverdauung kann mein Magen scheinbar nicht mehr. Diese Effizienzsteigerung heißt aber wahrscheinlich lange Einheiten nüchtern zu bestreiten, wovor ich mich auch ziemlich fürchte und auch damit der Spaß im Training dahin ist, wenn's von Anfang an zäh ist.

Beides ergänzt durch eine Umstellung der Ernährung gänzlich aufs Ultralaufen, um bei weniger Gewicht die gleiche Substanz zu haben. Also meine geliebten Sünden (Naschereien & Co) weglassen.

All diese Optionen lösen ad-hoc jetzt mal keine Jubelstürme bei mir aus und für noch mehr "Entbehrungen" neben den durchtrainierten Wochenenden (bzw. der Nichttrainingszeit nur regenerativ auf der Couch, weil ich zu nichts anderem mehr in der Lage bin) reicht die Energie derzeit neben der Arbeitswoche nicht.

Andererseits ist der 24-Stundenlauf für mich die Königsdisziplin des Ultralaufs. Vergleichbar mit Halbmarathon und Marathon: wer kennt ad-hoc einen der Namen der Top-5 der ewigen Bestenliste im Halbmarathon vs. einen der Top-5 im Marathon?

Also 24-Stundenlauf werde ich sicherlich weiterhin machen. Alleine schon wegen meiner jährlichen Benefizaktion (http://martin24h.awardspace.biz), aber auch weil man immer wieder neue nette und tolle Menschen kennenlernt, der Zusammenhalt einfach einmalig ist, ich nur selten sonst diese gegenseitige Motivation eigentlich Wildfremder erlebt habe.

Die Frage ist, ob ich mich von Anfang an auf 150-170 Kilometer-Leistungen beschränke (wobei Irdning 2013 gezeigt hat, dass auch das nicht so trivial ist) oder doch noch versuche, mehr zu erreichen.

Jetzt jedenfalls gibt's mal ein paar Tage lauffrei, damit der Körper sich erholt, ich wieder schmerzfreie Nächte habe (derzeit wache ich noch bei jeder Positionsänderung auf) und dann schauen wir, welches Ziel ich mir für den Valencia-Marathon Mitte November setze. Ob der touristisch wird oder der progressive Halbmarathon in der Wachau mit den letzten vier Kilometern in nur knapp über 4:00min/km doch noch einen Nachbrenner dieser Saison erhoffen lässt, ist noch offen. Die Ausdauer für den Marathon sollte ich ja haben, brauche ich nur noch ein bisschen Speed. Aber das wird mir mein Körper schon sagen, worauf er Lust hat.

Und jetzt trällere ich ein bisschen mit ...